Literaturepochen und Lyrik
Auch wenn hier keine Zusammenfassungen zu finden sind, sind die ebenfalls im Kurs vorgestellten oder an Beispielen besprochenen Epochen des Vormärz, des Expressionismus, der Neuen Sachlichkeit oder der Neuen Subjektivität sehr wichtig.
Florian Günnewich D GK/Eic13
Gedichtanalyse „Umsturz“ von Ursula Krechel
Das Gedicht „Umsturz“ von Ursula Krechel wurde im Jahr 1977 veröffentlicht und erzählt von einer Frau, die sich nicht mehr den gesellschaftlichen Konventionen und Gesetzen unterordnen will und von nun an eigenständig und selbstbewusst ihr Leben bestreiten möchte.
Sie fühlt sich von diesen Vorgaben durch die Gesellschaft eingeschränkt und sie möchte, so mein erstes Grundverständnis des Gedichts, auch alle anderen Frauen aufrufen, sich gegen diese Regeln zu wenden. Das Gedicht macht desweiteren fast den Eindruck eines Prosa Textes, da es nur aus einer Strophe besteht und kein Reimschema zu erkennen ist.
Einen Unterschied zu einem solchen Prosatext bilden jedoch die zahlreichen Enjambements, sowohl als auch die fehlenden Satzzeichen. Es findet sich als einzige Ausnahme lediglich ein Punkt am Ende des Gedichts, der ebenso wie die 14 unterschiedlich langen Verse ohne festes Metrum und Reim den „Aufrufcharakter“ und auch die aufgewühlte, hektische Atmosphäre unterstützt. Zu der gewissen Hektik, die das Gedicht verbreitet muss auch gesagt werden, dass auf Hervorhebungen oder Wiederholungen gänzlich verzichtet wird, wodurch man sieht, dass das lyrische Ich kurz und schlüssig auf Missstände hinweisen will und zum schnellen Handeln aufruft.
Das lyrische Ich, das sich am Ende als Frau identifizieren lässt, berichtet in den ersten Versen, gegen welche gesellschaftlich vorgegebenen Verzichte Sie in Zukunft rebellieren wird.“Von nun an stell ich meine alten Schuhe nicht mehr ordentlich neben die Fußnoten“ (Z. 1-2) ist wohl als Ganzes eine Metapher gegen die Unterordnung der Frau (gegenüber dem Mann?). Ihre „alten Schuhe“ sollen hier wohl besonders auf Emanzipation hinweisen. Sie ist nicht mehr bereit überhaupt diese Schuhe zu tragen, sie möchte sich selbst verwirklichen, sich nicht mehr zurückhalten, ihre eigenen Interessen haben und diese ausleben und sich nicht mehr in den Dienst anderer Stellen und auf Dinge verzichten.
Auch dass Sie „den Kopf beim Denken nicht mehr an den Haken“ (Z.3-4) hängen will, verdeutlicht diese Haltung. Dies ist im übertragenen Sinne, also als Metapher für eine Forderung auf Grundrechte für die Frau zu sehen, da Sie ihre eigenen Gedanken und Meinungen frei äußern möchte und Mitspracherecht fordert.
Durch „Freß keine Kreide“ in der Folgezeile und „hab keinen Bock“ (Z.8) wird ihre Wut über die Zustände klar. Sie will die Zeiten vergessen, in denen Sie sich unterordnen musste und keine Rolle spielte, und ein neues Leben beginnen, was sie sehr gut durch die Redensart „Schnee von gestern“ (Z.6) verdeutlicht. Sie möchte von nun an selbstbewusster sein und handeln(„hust nicht mehr mit Schalldämpfer“) (Z.7).
Passend für eine Schriftstellerin bezieht das lyrische Ich, das hier wohl die Autorin selbst ist, dieses Problem in Form einer Metapher auch auf ihre Tätigkeit, sodass dieser Text einen sehr persönlichen Charakter erhält („...Tinte mit Magermilch zu verwässern) (Z.9). Sie will von nun an direkt Dinge ansprechen und nichts mehr beschönigen und um den heißen Brei herum reden und sich vor allem nicht in ihrem „Nest“ (Z.10) verstecken. Dies stellt ebenfalls eine Metapher für die Rolle der Frau in der Gesellschaft dar. Sie möchte nicht mehr Zu hause in der Wohnung die Hausarbeit erledigen, sondern auch eigene Sachen unternehmen und frei sein.
„Den leeren Käfig“ (Z.12), als Metapher für die zwanghafte, eingeengte und gefangene Situation der Frau soll man symbolisch ins Museum verfrachten, um der Welt zu zeigen, dass die Zeiten der Unterordnung der Frau endgültig vorbei sind.
Der Titel (Umsturz) des Gedichts könnte kaum passender sein. Er ist kurz und eindeutig wie das Gedicht selbst, und stellt in kurzer Form das dar, was die Autorin in ihren Ausführungen in dem Gedicht fordert, nämlich den Aufbruch in ein neues Leben für die Frauen, denen es so ergeht wie ihr.
Das ganze Gedicht stellt also, wie anfänglich vermutet, einen Aufruf zum Handeln dar, einen Aufruf sich als Frau gegen die Gesellschaft zu wehren und aus der „Gefangenschaft“ dieser auszutreten und selbstständig zu werden.
Die Wirkungsmöglichkeit des Gedichts lässt sich nur schwer einschätzen. Vergleicht man die Umstände damals mit den heutigen, so lässt sich feststellen, dass die Forderungen Krechels mehr oder weniger Realität geworden sind. Die Frau heute sitzt nicht mehr nur Zu Hause und erledigt die heutige Arbeit sondern erhebt wie Männer auch Anspruch auf einen Beruf und freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit. Diese Emanzipationsbewegung hat natürlich viele Ursachen, ich wage an dieser Stelle nicht einzuschätzen wie hoch die der Lyrik bzw. der Literatur und speziell dieses Gedichts gewesen sind. Die sprachlichen Voraussetzungen durch die verwendete Umgangssprache, Redensarten und kurze und klare Form stellt Krechel in jedem Fall zur Verfügung.