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Pädagogik12 / Arbeitsplattform

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Sozialisation und Ich-Werdung

Vorbestimmung oder eigene Entscheidung?

Online Text von Jana Jerosch

Im folgenden Text soll die Sozialisation und speziell die Fragestellung erörtert werden: Ist die Ich-Werdung ein durch das Geschlecht vorbestimmter Vorgang oder ist es jedermanns eigene Entscheidung, wie er seine Identität formen möchte?

Laut Klaus Hurrelmann (Biographie), ist Sozialisation als Prozess zu verstehen. Dieser Prozess ist abhängig von der Gesellschaft sowie von sozialen und materiellen Lebensbedingungen. Die Auseinandersetzung mit der Umwelt führt demnach zu Formung von Persönlichkeitsmerkmalen und Eigenschaften.

Lothar Krappmann (Biographie) fügt außerdem hinzu, dass während des Prozesses der Sozialisation ein Repertoire an Rollen erlernt wird, welche für das spätere Leben gebraucht werden.

Folgend dieser recht allgemeinen Definition der Sozialisationstheorien, welche auf weibliche und männliche Mitglieder der Gesellschaft gleichermaßen zutrifft, möchte ich nun spezieller auf die soziale Entwicklung von Mädchen eingehen.

Die Unterschiede bei der Sozialisation von Mädchen und Jungen gehen laut Carol Gilligan (Biographie) auf die verschiedenen Sozialisationsbedingungen zurück.

Die erste wichtige Bezugsperson ist in der Regel die Mutter, bei Mädchen also eine gleichgeschlechtliche Person. Dadurch steht die Identitätsentwicklung im Kontext der Identifikation und Empathie mit der Mutter. Die Entwicklung des Mädchens basiert also auf der Spiegelung der Mutter. Die Trennung kann allmählich erfolgen. Aus der Einheit mit der Mutter, aus Nähe und Intimität kann Stärke gewonnen werden. Dem Mädchen „fehlen“ jedoch Fähigkeiten, die gleichaltrige Jungen bereits erlernt haben.

Diese müssen sich nämlich schon früh mit dem gegengeschlechtlichen Kontext der Trennung auseinander setzen.

Für Gilligan hat dies weitrechende Folgen für den Erwachsenen. Männer haben Schwierigkeiten mit Beziehungen und Verbundenheit, Frauen mit Individuation und Ablösung.

Folgend ist die „gleiche“ Erziehung von Mädchen und Jungen mehr Mythos als Realität. Auch wenn die Eltern nicht darauf zielen, so entwickeln sich Mädchen und Jungen doch automatisch unterschiedlich. Das eigentliche Problem ist nun, dass zur heutigen Zeit Mädchen das erreichen möchten, was Jahrhunderte lang nur Männern vorbehalten war. Dies kann jedoch in einer nach männlichen Werten ausgerichteten Gesellschaft nicht – oder nur eingeschränkt – verwirklicht werden.

Es stellt sich nun also die Frage, wie - und ob überhaupt – Gleichheit für Männer und Frauen in der Gesellschaft erreicht werden kann. Und: Ist es wirklich das, was passieren sollte?

Meiner Meinung nach kann nur eine nach männlichen Werten ausgerichtete Gesellschaft (und vor allem Arbeitswelt) erfolgreich sein. Ohne Konkurrenzverhalten, Risikobereitschaft und klare Regeln (eben diese Qualitäten schreibt Gilligan Männern zu) gibt es keinen Fortschritt. Wäre wohl schon ein Mensch auf dem Mond gelandet, hätten nicht Länder miteinander konkurriert?

Daraus folgt: Eine Änderung der Gesellschaft wird, auch wenn soziale und empathische Fähigkeiten heute auch wichtig sind, nicht erreicht werden können. Soll also eine Geschlechtergleichheit erreicht werden, so müssen Frauen - aber auch Männer – die ihnen jeweils fehlenden Fähigkeiten erlernen.

Zuletzt sollte man jedoch bedenken: Ist Geschlechtergleichheit wirklich, was wir wollen?

Helga Bilden beschreibt Geschlechtergleichheit als letzte „Fixpunkte“ in einer sich rasch verändernden Gesellschaft. Doch auch diese „Haltegriffe“ seien nichts Festes mehr. Wahr: In Zeiten von weiblichen Staatsoberhäuptern, männlichen Kindergärtnern oder transsexuellen Hausmeistern – wer weiß da noch, was Frau- oder Mann-Sein bedeutet?

Es bleibt also zuletzt jeder Frau und jedem Mann selbst überlassen, ob sie oder er sich an der jeweiligen stereotypischen Geschlechterrolle orientieren möchte, oder eben nicht. Das heißt, selbst wenn durch den Sozialisationsprozess in der Kindheit gewisse Fähigkeiten bei den verschiedenen Geschlechtern unterschiedlich stark entwickelt werden, so kann der Erwachsene immer sich noch dazu entschließen, Defizite auszugleichen.