Fremdling, der du vorbeigehst! du weißt nicht, wie sehn-
süchtig ich nach dir blicke,
Du mußt der sein, den ich suchte, oder die, die ich suchte (es
kommt mir wie aus einem Traum).
Ich habe sicherlich irgendwo ein Leben der Freude mit dir
gelebt,
Alles ist wieder wach, da wir einander vorbeihuschen,
flüchtig, zärtlich, keusch, gereift.
Du wuchsest auf mit mir, warst Knabe mit mir oder Mäd-
chen mit mir,
Ich aß mit dir und schlief mit dir, dein Körper blieb nicht
dein eigen allein, noch ließ er meinen Körper mir allein.
Du gibst mir die Lust deiner Augen, deines Gesichts und
Fleisches, indes wir vorbeigehen, du nimmst von mei-
nem Bart, Brust, Händen dafür,
Ich will nicht zu dir reden, ich will an dich denken, wenn ich
allein sitze oder nachts allein wache,
Ich will warten, ich zweifle nicht, daß ich dir wieder be-
gegnen werde,
Ich will darauf achten, daß ich dich nicht verliere.
Walt Whitman war ein amerikanischer Dichter. Sein berühmtestes Werk ist der Gedichtband Leaves of Grass (Grashalme). Dieses Gedicht (An einen Fremden) ist eine Nachdichtung von Hans Reisiger.
Whitman schrieb seine Verse überwiegend in einem Blankvers. Die Bezeichnung stammt aus dem Englischen blank verse, wobei blank hier reimlos bedeutet.
Ein Blankvers ist ein fünfhebiger jambischer Vers, der im männlichen Vers aus 10, im weiblichen Vers aus 11 Silben besteht. Allerdings kann der Blankvers auch das jambische Schema abstreifen und sich der Prosa annähern, wie das bei Whitman der Fall ist. Er teilt Beobachtetes, Gedachtes und Empfundenes mit.
Zudem erzeugt er Spannung durch Enjambements ( Zeilensprünge ), die oben in fast jeder Zeile vorhanden sind, oder beschleunigt bzw. verlangsamt das Sprachtempo.
Seine Gedichte stammen aus alltäglichen Situationen und sind nichts romantisch Abgehobenes, was es so besonders macht.
Ich verstehe dieses Gedicht als eine Situation aus dem Alltag, die jeder schon einmal erlebt hat. Man geht spazieren in einer großen oder kleinen Menschenmenge und sieht jemanden. Plötzlich hat man das Gefühl diese Person schon einmal getroffen zu haben, oder sie sogar gekannt zu haben.