Die perfekte Schule
Abi selbstgemacht: Zehn Freiburger Schüler wagen das Experiment
Ein Jahr vor dem Abi haben zehn Freiburger Waldorfschüler die Schule Schule sein lassen, einen Verein gegründet und ihre Abiturvorbereitungen selbst in die Hand genommen. UNICUM ABI traf die Mitglieder des Methodos e.V. in ihrem „Klassenzimmer “.
„Bis wann wollt ihr heute machen? Bis um vier, bis um zehn?“ Lehrer Gregor Wittkop fragt seine Schüler, wie lange der heutige Unterricht dauern soll. Er sagt zu ihnen auch Sätze wie: Das entscheidest du doch, wann du kommst und gehst. Oder: Mir doch egal, wann du eine rauchen willst. In Freiburg haben sich zehn Zwölftklässler von ihrer Schule abgemeldet und kurzerhand ihre eigene aufgemacht. Sie haben einen Raum gemietet, Geld gesammelt und Lehrer eingestellt. So wollen sie sich auf eigene Faust aufs Abitur vorbereiten. Es ist ihr Traum von der „perfekten Schule“. Und den träumen sie schon lange.
Wittkop, sie sagen alle Gregor und du zu ihm, erklärt wie die Prüfungen ablaufen. Was im mündlichen Abitur drankommen kann und was nicht. Anfang April geht‘s los. Für Simeon, Lena, Alex und die anderen ist das Neuland. Sie waren zuvor alle auf einer Freiburger Waldorfschule, wo es regulär nur zwölf Schuljahre gibt und wo man nur den staatlich nicht anerkannten Waldorfabschluss ablegt. Sie hätten an der Waldorfschule noch ein Jahr dranhängen können, um sich dort fürs Abi zu wappnen. Doch das wollten sie nicht. „Im letzten Jahr unterscheiden sich die Waldorfschulen kaum noch von den staatlichen Gymnasien“, weiß Simeon. Dann sei es aus mit der anthroposophischen Pädagogik, mit Eurythmie und Projektunterricht. Stattdessen stehe auch nur noch Pauken, Pauken, Pauken auf dem Stundenplan, so der 19-Jährige – mit der klassischen 45-Minuten-Stunde, mit Frontalunterricht, mit einem festen Stundenplan, mit Zwang.
In ihrem „Klassenzimmer“, angemietet von einer evangelischen Kirchengemeinde in Freiburg, ticken die Uhren anders: Hier muss niemand pünktlich sein. Hier kann jeder rein und raus, ohne beim Lehrer zu fragen. Letztere haben auch keine Macht über sie. Wer angestellt ist und dafür bezahlt wird (25 Euro die Stunde), muss tun, was der Arbeitgeber verlangt. Das Schüler-Lehrer-Verhältnis steht auf dem Kopf, die Schüler sind hier die Bosse.
Gregor Wittkop braucht jetzt erst mal einen Kaffee. Auf dem Weg zur Bäckerei erzählt er, dass seine Schüler auch schon mal zu ihm gesagt hätten: „Gregor, wir finden deinen Unterricht so nicht gut, der muss sich ändern.“ Trotzdem ist er froh darüber, an dem bundesweit einmaligen Projekt teilzuhaben. Er sagt, dass er es mutig findet, was die Gruppe sich vorgenommen hat. „Die hätten doch auch sagen können: Was soll‘s, das eine Jahr bis zum Abi reißen wir noch so runter“, meint er. Wären sie auf der Waldorfschule geblieben, hätten sie ihre Prüfungen dort ablegen können, wo sie die Lehrer kennen und ihnen alles vertraut ist. Stattdessen hat ihnen die Behörde nun ein 20 Kilometer von Freiburg entferntes, unbekanntes Gymnasium zugewiesen. Als so genannte Schulfremde müssen sie dort doppelt so viele Prüfungen ablegen wie „normale“ Abiturienten, zwölf insgesamt. Ihnen fehlen schließlich alle Klausuren, die im Kurssystem ab Stufe 12 geschrieben werden und in die Abiturnote einfließen.
Zurück in der Klasse finden wir die Schüler in Arbeit vertieft. Allesamt brüten sie über einem Zeitschriftenartikel, den sie erörtern sollen. Das Thema lautet Autorität. Lena sitzt für sich und tippt in ihr Notebook. Alwin und Jon haben sich auf dem Sofa niedergelassen und diskutieren. Lenya steht am Kopierer und presst den „STARK“ auf die Glasplatte – das bekannte Buch mit den Abiprüfungsthemen der vergangenen Jahre. Auf den Tischen liegen leere Pizzaschachteln, Tüten mit Wurst und Käse, Lexika, Wörterbücher und Schreibblöcke. Um die kleine Bibliothek einzurichten, haben die Methodos-Mitglieder die Bücherschränke ihrer Eltern geplündert. An der Wand klebt ein Putzplan. Das Ganze hat etwas von einer großen WG.
Der Presse nach zu urteilen, sitzt hier eine Runde von Abi-Rebellen und Bildungs-Revoluzzern. „Über das große Medienecho waren wir total überrascht“, erklärt Simeon. Ob die Schlagzeilen zutreffen? Der Schüler denkt nach und ist sich nicht sicher. Er weiß nur, dass sie es so wollten und es sich gelohnt hat. Dass es „total stressig“ sei, aber dass sie nur so Dinge gelernt hätten, wie einen Verein zu gründen, mit Behörden zu verhandeln, Interviews zu geben und Sponsoren zu gewinnen. Dass diese Freiheit einfach Klasse sei und dass sie nirgendwo sonst so zu haben wäre. Hier entscheiden sie selbst, wie lange sie ein Thema behandeln und ob der Lehrer dazu kommt oder nicht.
Sie können beschließen: Die nächsten drei Tage bleiben wir mal zuhause und jeder lernt für sich. Oder sie machen es so wie Alwin an diesem Nachmittag. Er schnappt sich drei Bälle und geht ins Freie, um damit zu jonglieren, um den Kopf frei zu bekommen. Nachmittags spielen sie auch mal Theater oder tanzen.
Zuletzt in der Klasse waren sie 35. Hier sind sie zehn. Wittkop macht die Runde und jeder kann zu ihm kommen, wenn er eine Frage hat. Der Unterricht wechselt dauernd. Mal arbeiten sie für sich alleine, mal in Kleingruppen, mal alle zusammen. Ein Fach wird den ganzen Tag über durchgenommen. Heute ist es Deutsch: Texterörterung und Lektüre. Der Prozess von Kafka, Schillers Räuber und Michael Kohlhaas von Kleist. Lena findet von den dreien Kafka am besten: „Der ist so expressiv.“ Lenya erinnert sich an die Zehnte zurück. Da haben sie mal eine Tagung veranstaltet. „Die perfekte Schule“ hieß das Motto. Mit Methodos, wie sie ihr Projekt getauft haben, haben sie diese gefunden.
Quelle: http://www.unicum.de
-Nataly-