Autonomieentwicklung im Jugendalter
1.Begriffe
2.Mögliche Auslöser der Entwicklung
3.Theorien zur Autonomieentwicklung
1. Begriffe Autonomie und Autonomieentwicklung
Vor der Autonomie und dessen Entwicklung steht die Heteronomie, die den Gegensatz zur Autonomie darstellt.
Eine Person denkt hier noch nicht über die Grundlagen von Werten und Regeln nach. Die Einhaltung solcher Regeln basiert lediglich auf Gehorsam, wie in der Kindheit.
Bei der Entwicklung von Autonomie beginnt ein Jugendlicher jetzt sich von dem Denken und Wollen anderer zu befreien und zwar durch Interaktion mit Gleichaltrigen, der Familie und anderen Erwachsenen.
Eine Person ist also autonom, wenn sie fähig ist ihr Leben selbst zu regeln, selbstständig und unabhängig zu agieren und wenn sie Werte und Regeln einhält, die auf ihrer eigenen Überzeugung und Selbststeuerung basieren.
Autonomie selbst kann in drei Bereiche unterteilt werden.
1. emotionale Autonomie
Bei der emotionalen Autonomie handelt es sich bei den Jugendlichen um die Verteidigung der Territorien des Selbst in räumlicher, materieller, zeitlicher und psychischer Sicht. Außerdem spielt die Deidealisierung (der Eltern) und die Selbstbehauptung eine Rolle.
2. Verhaltensautonomie
Bei diesem Begriff handelt es sich um die Fähigkeit der Jugendlichen den Alltag ohne ihre Eltern zu bewältigen. Jugendliche treffen Entscheidungen über eigene Angelegenheiten und übernehmen und tragen Verantwortung.
3. kognitive Autonomie
Hierbei handelt es sich um die Ausbildung der eigenen Meinung und der eigenen Werte. Vorhandene Regeln werden kritisch hinterfragt und neu interpretiert und ausgearbeitet.
2. Mögliche Auslöser der Entwicklung
Da die genaue Definition des Prozesses der Autonomieentwicklung nicht geklärt ist, führe ich im folgenden mögliche Auslöser der Entwicklung an. Es ist wahrscheinlich, dass eine Wechselwirkung zwischen den Punkten zum Auslöser wird.
1. Pubertät
In der Pubertät verändert sich die Familieninteraktion durch die körperliche Reifung der Jugendlichen. Die pubertäre Entwicklung führt zu einer Distanz zwischen Eltern und Kind. Dies wirkt sich auf dem Umgang untereinander aus.
2. kognitive / intellektuelle Entwicklung
In der Jugend steigern sich die logischen und argumentativen Fähigkeiten. Dies bringt Jugendliche dazu vorgegebene Selbstverständlichkeiten kritisch zu hinterfragen.
Kognitive und intellektuelle Entwicklung bringt Jugendliche auch dazu eigene Prinzipien zu bilden und eigene Verantwortungsbereiche zu definieren.
3. autonomieunterstützendes Elternverhalten
Dieses Verhalten beinhaltet zum Beispiel das Übertragen von Rechten und Pflichten, Einbeziehen in Entscheidungen, Erhöhung des Taschengeldes und die Förderung selbstständiger Aktivitäten.
Das Verhalten der Eltern geht also weg von Vorschriften und Verboten, hinzu indirekter Strategien, wie zum Beispiel Zeigen von Enttäuschung und Vorschlagen von Alternativen.
Zum autonomieunterstützendes Elternverhalten gehört aber auch die Reduktion von Hilfeleistungen.
4. Änderung der Rollenerwartung
Dazu gehört zum Beispiel gesetzlich vorgegebene Rechte und Pflichten, sowie der Übergang zwischen zwei Bildungsstufen, oder der Beginn des Wehrdienstes.
3.Theorien zur Autonomieentwicklung
Beobachtung und These
Evolutionäre Theorien
- schlechte Eltern-Kind-Beziehungen führen zu früherer Geschlechtsreife
- die Beziehung zum Sexualpartner ersetzt die Beziehung zu den Eltern
psychoanalytischorientierte Konflikttheorien
- emotionale Störungen, konflikthafte Interaktionen und psychosoziale Verunsicherungen
- Jugendliche orientieren sich zunehmend and eigenen Normen und entwickeln ein Ich-Ideal . Das führt zu grundlegenden Konflikten mit dem Elternhaus, die notwendig für eine erfolgreiche Ablösung sind
Bindungstheorie
- Sicher gebundene Jugendliche kommen mit neuen Situationen besser klar
- Bindung an die Eltern ist eine positive Voraussetzung für Autonomieentwicklung, da so die Familie die Basis für das sich Ausprobieren darstellt und dieses unterstützt
Individuationstheorie
- Jugendliche, die sich mehr Autonomie wünschen, wünschen sich nicht gleichzeitig mehr Distanz zum Elternhaus.
- Trotz Bindung an die Eltern, grenzen sich Jugendliche zunehmend ab und übernehmen mehr Verantwortung. Autonomie und emotionale Verbundenheit sind keine Gegensätze
http://www.ew2.uni-mannheim.de/autonomie/ws0203/upload/AutEnzEndf.pdf
Aus dem Buch „ Entwicklung, Sozialisation und Identität“
S.174-179
In der Adoleszenz haben junge Menschen schwierige Entwicklungsaufgaben zu meistern, Identität und Selbstwertgefühl, Individualität und Autonomie sind herauszubilden.
Was brauchen Jugendliche überhaupt von Erwachsenen ?
Jugendliche brauchen von den Erwachsenen zum einen ein Gegenüber und auch die Reibung. Zum anderen aber auch die Verlässlichkeit, die leider nicht jeder Jugendliche ausreichend erfährt. Man erkennt, dass das Verhalten von Jugendlichen sehr ambivalent ist.
Individuation ist ein wichtiges Ziel der Adoleszenz. Es heißt so viel wie Ablösung von den Bindungen an frühere Bezugspersonen, wie die Familie. Zugleich ist Individuation aber nur mit verlässlichen Bezügen zu anderen zu erreichen ( „bezogene Individuation“, Stierling 1992).
Durch das widersprüchliche Phänomen bei Jugendlichen, sich einerseits von den Erwachsenen ablösen zu wollen, diese aber eigentlich zu brauchen, um sich mit ihnen zu Reiben und mit ihnen zu diskutieren, bildet sich somit in der Jugendphase die Identität.
Bei Beziehungen zu Erwachsenen spielt somit einerseits die Idealisierung in Form von einem Vorbild, und andererseits die Ablehnung und Entwertung eine wichtige Rolle.
Es wird also auch deutlich wie wichtig Reibungen und Konflikte mit Erwachsenen für Jugendliche und ihrer Entwicklung eigentlich sind.
Deswegen ist es auch wichtig, dass Eltern die Rolle der konfliktbereiten und standfesten Person einnehmen, anstatt Konflikte zu vermeiden, die ein wichtiges Erfahrungsfeld für ihre Kinder sind.
Was ist wichtig im Umgang mit Jugendlichen?
Der wahrscheinlich wichtigste Punkt beim Umgang mit Jugendlichen, ist das Verstehen.
Denn wer sich bemüht andere zu verstehen, ist nicht darauf aus den anderen zu beherrschen.
Das Verstehen der Nöte ihrer Kinder ermöglicht es den Eltern bei Konflikten ein strukturiertes Angebot zu machen und somit deutliche Grenzen aufzubauen. Schließlich erkennen die Jugendlichen den Unterschied zwischen autoritär gesetzten Grenzen, die der Beherrschung dienen, und denen, die aus einem Verständnis heraus kommen.
Problematisch wird das einfühlende Verstehen aber dann, wenn es von dem Wunsch nach völliger Übereinstimmung geprägt ist. Es sollte Beim Verstehen somit gerade um das Nichtidentische, die Differenz und das Anderssein gehen. Einfühlung sollte also als „Brücke“ verstanden werden.
Die Ziele des Jugendalters – Unabhängigkeit und Eigenständigkeit
Im Jugendalter werden neue Leitvorstellungen, Werte und Ziele gesucht, mit denen sich der Jugendliche von seinen Eltern oder auch Geschwistern unterscheiden. Dieser Schritt der Abgrenzung ist ein wichtiger Punkt zur Entwicklung von Unabhängigkeit (im Sinne von Loslösen von der Familie) und Eigenständigkeit.
Aus einer Studie (Seiffge-Krenke, 1984) geht hervor, dass sich Jugendliche vor allem von der Abhängigkeit von den Eltern und die damit verbundene Einschränkung der Entscheidungsfreiheit belastet fühlen.
Die Studie weist auch nach, dass Jugendliche, die sich so fühlen, ein eher instabiles und leicht verletzliches Selbstbild besitzen.
Die Grundlage für Selbstsicherheit und Selbstvertrauen wird durch den Prozess der Entwicklung von Unabhängigkeit geschaffen. Der Prozess hilft den Jugendlichen, sich für ihr Handeln selbst verantwortlich zu fühlen.
Die Begriffe Eigenständigkeit und Unabhängigkeit bedeuten nicht das selbe. Erst wenn ein Jugendlicher in einem Bereich unabhängig von seiner Familie ist, ist er in der Lage selbst Verantwortung zu übernehmen und eigenständig zu handeln.
Die Loslösung von der Familie ist allerdings auch von der sogenannten Familienideologie abhängig. Eine Familienideologie legt die Funktionen und Aufgaben der einzelnen Mitglieder fest. Darunter fallen auch die Erwartungen der Eltern an die Kinder, feststehende Regeln, Rollen und Rituale.
1. Beispiel: Isolierte Familie
Familien, die den Kontakt nach außen so gering wie möglich halten, erschweren ihren Kindern die Auslösung immens, da die Jugendlichen kaum Möglichkeiten haben, neue Kontakte zu knüpfen. Die Chance ist hier sehr gering, dass ein Jugendlicher sich ohne große Probleme aus dieser Umklammerung lösen kann.
2. Beispiel: „Jeder soll nach seinen Vorstellungen glücklich sein“
Familien mit diesem Motto sind besonders konfliktscheu, da die Eltern hier keine oder kaum Regeln aussprechen, an denen sich die Kinder orientieren können. Es macht sie hilflos, da sie keine Möglichkeit erhalten sich im Schutzraum der Familie sich mit Regeln, Verboten und Anforderungen, sowie Meinungsunterschiede, auseinander zu setzen.
3. Beispiel: Strenge und einengende Regeln und Vorschriften
Bei dieser Familienideologie gibt es viele Konflikt- und Streitgelegenheiten. Ein Jugendlicher in solch einer Familien kann sich meistens nur plötzlich und radikal aus der Familie lösen.
In dem Text wird den Jugendlichen aus solchen, oder ähnlichen Familienideologien unterstellt, dass diese keine Unabhängigkeit und Eigenständigkeit entwickeln.
Daraus entstehen die ungünstigen Folgen des Strebens nach diesen Zielen.
Diese liegen zum Beispiel dann vor, wenn Jugendliche bei der Suche nach eigenen Wegen in einer sehr hohen Selbstbezogenheit stecken bleiben. Dies hat zur Folge, dass sie sich wegen fehlenden Kontakt zur Familie und Gleichaltrigen nur auf sich selbst beschränken und von der Umwelt als arrogant und egoistisch bezeichnet werden. Daraus resultieren dann Konflikte im Sozial- und Arbeitsverhalten.
Die soziale Isolation lässt bei Jugendlichen das Gefühl des Alleingelassenseins und der Ausweglosigkeit aufkommen.
Folgen sind Selbstmordversuche, Drogenmissbrach und Alkoholismus. Vor diesem Kreislauf der Isolation versuchen sich auch viele Jugendliche, durch das Anschließen an Jugendsekten, zu schützen.